Erno Marius Obogeanu-Hempel | Gründer und Geschäftsführer DigitalWinners GmbH, München
Vor einigen Wochen saß ich bei einem mittelständischen Unternehmen, das stolz berichtete: „Wir machen jetzt KI.“ Man hatte Copilot-Lizenzen gekauft, einen Prompting-Workshop durchgeführt, ein paar Pilotprojekte gestartet. Auf meine Frage, welches dieser Projekte messbar auf Umsatz, Kosten oder Durchlaufzeiten eingezahlt hat, wurde es still im Raum. Nicht, weil die Menschen dort inkompetent wären. Sondern weil niemand diese Frage je gestellt hatte.
Diese Szene ist kein Einzelfall. Sie ist der Normalfall.
Die 95-Prozent-Realität
Die derzeit meistzitierte Untersuchung zu diesem Phänomen kommt vom MIT: „The GenAI Divide: State of AI in Business 2025″. Das Ergebnis ist ernüchternd. Rund 95 Prozent der KI-Pilotprojekte in Unternehmen scheitern: Sie liefern keinen messbaren Effekt auf Umsatz oder Produktivität. Nur etwa 5 Prozent werden zu echten Erfolgsprojekten.
Das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Studie ist aber nicht die Zahl. Es ist die Ursache. Die Projekte scheitern laut MIT nicht an der Technologie. Die Modelle sind gut genug, die Tools sind verfügbar, die Preise sinken. Die Projekte scheitern an der Umsetzung: an fehlender strategischer Verankerung, an Prozessen, die nicht angepasst werden, an Menschen, die nicht mitgenommen werden, und an einer Steuerung, die Wirkung nie misst.
KI-Projekte scheitern nicht im Modell. Sie scheitern in der Organisation.
Nach fast drei Jahrzehnten in der Technologie- und Strategiewelt, vom Silicon Valley über C-Level-Verantwortung bei ProSiebenSat.1 bis zur heutigen Beratungspraxis, kann ich diesen Befund nur bestätigen. Ich habe noch kein KI-Projekt an der Rechenleistung scheitern sehen. Aber viele an der Frage: Wozu machen wir das eigentlich?
Warum Prompting-Kompetenz nicht reicht
In vielen Unternehmen und auch in vielen Beratungen herrscht derzeit ein Missverständnis: Wer gut prompten kann, sei fit für KI. Prompting ist eine wichtige Basiskompetenz, keine Frage. Aber sie verhält sich zur KI-Transformation wie das Beherrschen von Excel zur Unternehmensfinanzierung: notwendig, aber bei Weitem nicht hinreichend.
Denn die Fragen, an denen KI-Vorhaben tatsächlich hängen, sind strategische Fragen. Welchen Beitrag soll KI zur Gesamtstrategie leisten? Wo entsteht messbarer Wert: beim Kunden, bei den Mitarbeitenden, in den Prozessen? Wer trägt Verantwortung, wenn ein System Fehler macht? Wie verändert sich die Arbeit, und wie nehmen wir die Belegschaft mit? Und woran erkennen wir nach zwölf Monaten, ob sich die Investition gelohnt hat?
Wer diese Fragen nicht beantwortet, produziert genau die Pilotprojekte, die das MIT beschreibt: technisch funktionsfähig, wirtschaftlich wirkungslos.
Ein Kompass statt einer Tool-Liste
Aus dieser Erfahrung heraus habe ich den KI-Strategie-Kompass entwickelt: ein Framework mit zwölf Handlungsfeldern, geordnet in vier Cluster. Er ist kein akademisches Modell, sondern aus konkreten Mandaten entstanden, vom 15-Personen-Betrieb bis zum Konzernprojekt. Die Logik dahinter ist einfach: Eine KI-Strategie ist erst dann vollständig, wenn kein weißer Fleck bleibt.
Cluster 1: Das Warum. Strategie und Wertbeitrag. Hier beginnt alles: Zweck und Vision, das Nutzenversprechen und die Frage, wie Wirkung gemessen und gesteuert wird. Wer hier abkürzt, kann sich die restlichen Felder sparen. Ohne definiertes „Warum“ gibt es kein belastbares „Ob es funktioniert“.
Cluster 2: Das Wer. Menschen und Ökosystem. Organisation und Kompetenzen, Change, Kultur und Mitbestimmung sowie Partner und Ökosysteme. KI-Transformation ist zu großen Teilen Menschenarbeit. Die beste Technologie scheitert an einer Belegschaft, die Angst hat oder nicht befähigt wurde. Und kaum ein Mittelständler stemmt die Transformation allein: Das richtige Partnernetzwerk entscheidet über Tempo und Qualität.
Cluster 3: Das Wie. Technologie und Umsetzung. Erst an dritter Stelle, und das ist Absicht, kommen Tools, Technologien und Infrastruktur, Prozesse, Daten und Work Redesign sowie die konkreten Use Cases. Anwendungsfälle werden hier nicht nach Faszination priorisiert, sondern nach Nutzen, Machbarkeit und strategischer Wirkung.
Cluster 4: Das Wächteramt. Steuerung und Verantwortung. Governance, Risiko und Verantwortung, Responsible AI mit Ethik und Fairness sowie der KI-Lifecycle und stabile Betrieb. Dieses Cluster entscheidet darüber, ob KI-Einsatz auf Dauer trägt: rechtskonform, fair und verlässlich, auch wenn der anfängliche Enthusiasmus verflogen ist.

Im Zentrum des Kompasses steht ein Kreislauf: Learn, Measure, Adapt. Eine KI-Strategie ist kein Dokument, das man einmal beschließt. Sie ist ein lebender Steuerungsprozess.
Die Reihenfolge ist das Programm: erst das Warum, dann das Wer, dann das Wie, und über allem das Wächteramt.
Was das für Sie als Unternehmer:in bedeutet
Wenn Sie in Ihrem Unternehmen KI-Initiativen laufen haben, empfehle ich Ihnen einen ehrlichen Selbsttest mit drei Fragen. Erstens: Können Sie in einem Satz sagen, welchen strategischen Beitrag Ihre KI-Vorhaben leisten sollen? Zweitens: Gibt es eine Kennzahl, an der Sie in zwölf Monaten Erfolg oder Misserfolg ablesen werden? Drittens: Wissen Sie, wer in Ihrem Haus die Verantwortung für den KI-Einsatz trägt, fachlich, rechtlich und ethisch?
Wer alle drei Fragen sicher beantworten kann, gehört sehr wahrscheinlich zu den 5 Prozent. Wer zögert, hat kein Technologieproblem, sondern eine Strategielücke. Und die lässt sich schließen, systematisch und mit überschaubarem Aufwand.
Und was es für Berater:innen bedeutet
Hier möchte ich den Blick weiten, denn dieser Befund hat eine zweite Seite. Wenn 95 Prozent der KI-Projekte an der Umsetzung scheitern, dann ist das die größte Beratungslücke, die ich in meiner Laufbahn gesehen habe. Unternehmen von KMU bis Konzern fragen längst nach KI-Strategie. Aber die wenigsten Berater:innen können diese Nachfrage fundiert bedienen: Der Markt ist fragmentiert in Tool-Schulungen auf der einen und abstrakte Konzeptpapiere auf der anderen Seite. Was fehlt, ist ein integriertes, praxiserprobtes Vorgehensmodell von der Strategie bis zur messbaren Wirkung.
Genau dafür haben wir den Zertifikatskurs „Zertifizierte:r KI-Strategie-Berater:in“ ( https://www.ki-strategie-berater.io/kmu-magazin ) entwickelt, gemeinsam mit der DenkArbeit.Ruhr gGmbH, einem nach AZAV zugelassenen Bildungsträger, zertifiziert durch TÜV NORD CERT. In zwölf Wochen und elf Modulen erwerben erfahrene Berater:innen den kompletten KI-Strategie-Kompass als Beratungssystem: Videokurse, wöchentliche Live-Reflexionen und bis zu zehn Fallstudien, auf Wunsch am eigenen Mandat. Das Ergebnis ist kein Teilnahmezertifikat, sondern ein vermarktbares Beratungsangebot, das ab Tag 1 einsetzbar ist, inklusive eines KI-Readiness-Checks als White-Label-Werkzeug.
Die Methodik dahinter ist keine Theorie vom Reißbrett: Sie stammt aus einer Beratungspraxis, die von der WirtschaftsWoche vierfach mit dem „Best of Consulting“ ausgezeichnet wurde, zuletzt 2025 mit einem 1. Platz in der Organisationsentwicklung und einem 2. Platz in der Kategorie Strategie, zuvor bereits 2023.
Besonders interessant für solo-selbstständige Berater:innen: Der Zertifikatskurs kann über das ESF-Plus-Programm KOMPASS des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales mit bis zu 90 Prozent gefördert werden. Voraussetzung ist unter anderem eine hauptberufliche Solo-Selbstständigkeit seit mindestens zwei Jahren; über die Bewilligung entscheidet die jeweilige KOMPASS-Anlaufstelle im Einzelfall, ein Rechtsanspruch besteht nicht. Bei Bewilligung reduziert sich die Investition von 4.900 Euro netto auf effektiv ab 490 Euro. Bei der Antragstellung unterstützen wir. Link zum Förderprogramm: https://www.esf.de/portal/DE/ESF-Plus-2021-2027/Foerderprogramme/bmas/kompass.html
Und noch ein Aspekt, der oft übersehen wird: Artikel 4 des EU AI Act verpflichtet Unternehmen seit 2025, für ausreichende KI-Kompetenz ihrer Mitarbeitenden zu sorgen. Berater:innen, die hier qualifiziert begleiten können, treffen auf eine Nachfrage, die regulatorisch abgesichert ist und weiter wachsen wird.
Der Moment ist jetzt
Die 95-Prozent-Zahl des MIT ist keine Prognose des Scheiterns. Sie ist eine Landkarte der Chance: für Unternehmen, die ihre KI-Vorhaben endlich strategisch aufsetzen, und für Berater:innen, die genau dabei professionell helfen können. Beides beginnt mit derselben Erkenntnis: Prompten kann inzwischen jeder. Den Weg vom Hype zur messbaren Wirkung zu führen, das können die wenigsten. Noch.
Weitere Informationen: www.ki-strategie-berater.io/kmu-magazin · Nächster Kursstart: 18. September 2026
Über Erno Marius Obogeanu-Hempel:
Erno Marius Obogeanu-Hempel ist Gründer und Geschäftsführer der DigitalWinners GmbH und Entwickler des KI-Strategie-Kompasses. Der mehrfach ausgezeichnete Strategie- und Technologieberater bringt Silicon-Valley-Erfahrung und C-Level-Verantwortung (CTO/CPO bei ProSiebenSat.1) mit, ist seit 2018 Dozent an der Hochschule Fresenius und Bestseller-Autor mehrerer Fachbücher, erschienen bei GABAL und Wiley. Seine Beratung DigitalWinners ist vierfacher Preisträger des „Best of Consulting“ der WirtschaftsWoche (2023 und 2025). Weitere Informationen: www.ernomarius.com